In Deutschland sind MigrantInnen im Sprachgebrauch der Politik - auch nach mehreren Generationen - „Ausländer“. Kann es da verwundern, dass nicht wenige MigrantInnenkinder der zweiten, dritten und teilweise der vierten Generation sich nicht willkommen und dazugehörig fühlen? Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass sie sich mehr als EinwohnerInnen dieses Landes fühlen und verstehen, als sie zugestehen wollen.
Die allgemeine Stimmung zeigt, dass es sehr schwer ist, deutschen BürgerInnen die Benachteiligung der MigrantInnenkinder bei der schulischen und beruflichen Ausbildung begreiflich zu machen. Der neue Band untersucht die Lebenswirklichkeit der Migrantinnen und Migranten aus der persönlichen Sicht der Betroffenen.
176 S., kart., € 14
ISBN 978-3-86059-333-2
«Ich möchte einfach dazugehören, einfach akzeptiert werden. So wie ich bin.»
Die obige Aussage eines Angehörigen der so genannten Zweiten Generation von Eingewanderten in diesem Buch könnte das Motto für die oft viel beschworene „Integration“ und auch für dieses Buch sein. Es ist eine Meinung von vielen. Die meisten Beiträge in diesem Buch stammen von jungen Heranwachsenden aus „Migrantenfamilien“ oder aus Familien, in denen ein Elternteil einen „Migrationshintergrund“ hat, also aus „binationalen“ Ehen oder Partnerschaften. Ihre Erfahrungen, Meinungen und Wünsche sind so unterschiedlich und facettenreich, wie die Gesellschaft ist, ohne jeglichen Anspruch auf Repräsentativität. Die Heranwachsenden wurden gezielt und willkürlich ausgesucht und angefragt. Der Großteil der Beiträge wurde in den Jahren 2007/2008 geschrieben. Hauptsächlich kommen die angeblich nicht integrierten oder sich „nicht integrieren wollenden“ „TürkInnen“ zu Wort, ebenso die „schon ewig integrierten“ „ItalienerInnen“. Aber Vorsicht mit diesen Zuschreibungen und Schubladen! In diesem Buch werden solche Zuordnungen nicht unterstützt. Davon können Sie sich anhand der Beiträge der Jugendlichen überzeugen, die so unterschiedlich wie Menschen eben sind. Allen, die Beiträge für dieses Buch zur Verfügung gestellt haben, möchten wir herzlich danken.
Dr. MAnfred Budzinski
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Vorwort zum Buch
Dr. Manfred Budzinski, Überlegungen an Stelle eines Vorwortes
Prof. Dr. Ursula Boos- Nünning, Angekommen oder chancenlos
Denise Solmaz, Deutschtürkisch - mit Ecken und Kanten
Simona Palermo, Die ganze Familie verlor kein gutes Wort über das Land, in dem sie lebten.
Jennifer Albani, „Hey, woher bist Du?“
Dr. Meral Ozan, Ferne Heimat, meine Heimat
Dr. Caroline Gritschke, Meine Stuttgarter Geschichte
Melanie Severdija, Ich freue mich, einmal die Woche in die Kultur meines Landes eintauchen zu dürfen.
Burcu Ickilli, Deutschland, mein Zuhause!?!
SchülerInnen und MigrantInnen in Leutkirch, Hier oder dort?
Nejdet Niflioglu, Meine Reise nach Deutschland
Dolores Basica, Wir und die anderen
Lasaritsa Apostolidou, Was ist Heimat?
Aliscia Albani, Ich vermisse meine italienische Verwandtschaft.
Sibel Yakan, Sibels neue Freiheit
Müjde Karaca, Mein Doppelleben
Manuel Albani, Man merkt, dass man auch andere Wurzeln hat.
Lilijan Di Croce, Eine andere Geschichte
Dr. Barbara Schramkowski, „Ich empfinde mich in Deutschland nicht auf derselben Augenhöhe.“
Bernardino Di Croce, Die vielen Gesichter der Integrationsbehinderung und Integrationsverweigerung
Sibylle Thelen, Die Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg.
Italienisches Generalkonsulat in Stuttgart, Die Italienische Gemeinde in Baden Württemberg
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Inhalts-und Autorenverzeichnis
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50 Jahre Geschichte der Arbeitsmigranten in Deutschland: für viele Betroffene ist dies eine Geschichte der persönlichen Erfolge und der glücklichen Momente, aber auch der Enttäuschungen, Niederlagen und des Versagens. Deutschland, „das Land, das nicht unser Land war“, hat sich in diesen Jahrzehnten rasant verändert - nicht zuletzt auch durch die Migranten selbst.
In diesem Band sind Erzählungen, Erlebnisse und Erfahrungen aus 50 Jahren Migration eingefangen. Bernardino Di Croce, der selbst einst als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam und der Verein Migration & Integration in der Bundesrepublik Deutschland e.V. haben für dieses Buch Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation um ihre Erinnerungen, ihre eigene Sicht nachgefragt. So entstanden Rückblicke auf persönliche Schicksale und gesammelte Erfahrungen. Spannende, heitere, ernste Geschichten und authentische Berichte - aber auch Ausblicke auf unser gemeinsames Leben und unsere gemeinsame Zukunft. Zahlreiche, überwiegend bisher unveröffentlichte Fotografien machen den Band zusätzlich zu einem besonderen Dokument der Zeitgeschichte.
214 S., kart., € 12
ISBN 978-3-86059-330-1
Kritische Beobachter gewinnen zunehmend den Eindruck, dass eine winzige Minderheit der Migranten in Deutschland ein Bild der Migranten prägt, das sehr weit von der Realität entfernt ist.
Mitte der 90er Jahre kreierte der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu eine „Kanak Sprak“. In seiner Zeit war die „Kanak Sprak“ nicht nur ein gut gelungenes Kunstprodukt, sondern auch eine passende Stimme zu einer Verhaltensweise. Nämlich die Verhaltensweise einiger weniger junger Männer türkischer Abstammung, die sich als Arbeitslose und mit Goldketten geschmückt als Hehler zu behaupten versuchten. Im Namen der Kunst, der Vielfalt, der Unterhaltung und auch der Notwendigkeit, jede negative Handlung an den Pranger zu stellen, ist diese Leistung zu würdigen. Daraufhin wurde, wie so oft im Leben wenn mit etwas Geld gemacht werden kann, die „Kanak Sprak“ bis zum umfallen kommerzialisiert. Wer immer die passende Stimme, die Figur, das Aussehen und die schauspielerischen Fähigkeiten zu besitzen glaubte, hat es sich nicht nehmen lassen, wissend, dass ein deutsches Publikum gern über Türkenklischees lachen möchte, diese Nummer zu versuchen. Das Problem dabei ist nicht die „Kunst“ und auch nicht die „Künstler“, sondern das Bild, das dadurch auch durch die Pisa- Studie angereichert entstanden ist. Die Zahl der Deutschen und Menschen anderer Nationalitäten ist nicht unerheblich, die sich das Bild der Migration mit derartigen Klischees gezimmert haben. Mit diesem Buch soll versucht werden zu zeigen, dass diese Bilder nur sehr vage etwas mit der Migration zu tun haben. Sie sind genauso wenig die Migration, wie die „Halbstarken“ der Sechziger- und teilweise der Siebzigerjahre Deutschland waren.
Auszug aus dem Vorwort zum Buch von
Bernardino di Croce
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Vorwort zum Buch
Bernardino Di Croce:Vorwort
Wohnen und Arbeiten in Deutschland
Ana González: Adiós A Coruña, Adiós
Projektgruppe Migration: 50 Jahre Migration in Deutschland
Dr. Wolfgang Malchow: Die Rolle der Italiener für die Wirtschaft in Baden-Württemberg
Auszüge aus der Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung
von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland
Bernardino Di Croce: Der Fremdenhass und seine Folgen
Helmut Stockmar: „Tornado“
Hans-Jörg Eckardt: Von „Sofort zwei Stück Hilfsarbeiter“ bis zur Sorge um die Rente
Angela und Aurelio Autunno: Auch in einem fremden Land waren wir nicht allein
Michele Arcione: Ein Leben in Sehnsucht
Francesco Vitale: Die Briefe und das Geld wurden immer rarer
Bernardino Di Croce: Deutschland, die große Hoffnung!
Nicht alle Wohnbaracken und Wohnheime waren menschenunwürdig
Bernardino Di Croce: Migranten gründen ihre Vereine
Emine Kara u.Türkische Frauengruppe: Einbahnstraße 17
Haydar Askar: Scheinbar haben wir das Auto immer noch nicht abgezahlt
Anna Picardi: Das Ganze gleicht einem Teufelskreis!
Abschiede
Hüseyn Barut: Alle lachten, weil ich Arzt werden wollte
Dr. Manfred Budzinski: Hausverbot des Arbeitgebers
Peter Mielert: Wie aus Fremden Freunde wurden
Ismail Kahraman: Was suchte mein Käfer auf dem Maisfeld?
Erika Schmitt: Nicht „Gastarbeiter“, sondern Mensche
„Gastarbeiter“ wandeln sich!
Bernardino Di Croce: Die Gewerkschaften wurden Hoffnungsträger der Migranten
Ernst Eisenmann: Exkurs - Ein Stück Glaubwürdigkeit
Hulusi Gözübüyük: Nicht mit dem Zug angekommen
Halil Türk: Wie ich mich in die deutsche Sprache verliebte
Serkan Senol: Zwischen zwei Welten
Melek Nuran Fischer: Zwischen Zwangsehe und Traditionszwang
Projektgruppe Migration: Trotz Entmündigung und Entmutigung hochgerappelt?
Raimondo Zampolli: Eiscafe Venezia
Alaettin Uzener: Wir stehen zu Deutschland!
Sabrina Bojkovic: Wo ich mich wohl fühle, ist meine Heimat
Ciampa Domenico: Es war hart, aber wir haben etwas erreicht
Ivan Ott: Vom „Gastarbeiter“ zum Journalisten und Schriftsteller
Jürgen Uppenthal: Wir sind längst ein Teil dieser Gesellschaft
Ercan Gözübüyük: Die Erde ist meine Heimat
Arnd Kolb: Eine Tür, die nach zwei Seiten aufgeht
Gaetano Venezia: Junge, du bist gar nicht so blöd!
Im Alltag verschieben sich die Grenzen immer mehr
Genny: Spricht etwas dagegen, sich an mehreren Orten dieser Welt
heimisch zu fühlen?
Bernardino Di Croce: Ein schleichender Versuch,
Migranten von der Einbürgerung abzuhalten
Bernardino Di Croce: Ein ungeschriebenes Gesetz der Migranten
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Inhaltsverzeichnis
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Wer aus seiner Heimat vertrieben wird, muss in dem Land, in das er geflohen ist, noch einmal ganz von vorn anfangen. Je nach politischer „Großwetterlage“ bietet der Start in ein neues Leben zahlreiche Chancen, kann aber auch zur vollständigen Entwertung der bisherigen Biografie führen. So waren Flüchtlinge des „Prager Frühlings“ in den Zeiten des Kalten Krieges durchaus willkommen, während sich die meisten Asylsuchenden spätestens nach der Verschärfung des deutschen Asylrechts im Jahr 1993 auf zahlreiche bürokratische Hürden einstellen mussten.
In diesem Buch berichten Flüchtlinge über Verfolgung, Ankunft in Deutschland und die teils erfolgreichen, teils scheiternden Versuche, hier Fuß zu fassen. Die Beiträge, die den Zeitraum von 1933 bis zur Gegenwart umspannen, zeigen, dass Flüchtlinge das gesellschaftliche Leben in Deutschland mitgestalten. Sie schildern aber auch, wie traumatische Erfahrungen, Heimweh und die politisch gewollte Ausgrenzung das Leben von Flüchtlingen über viele Jahre hinweg bestimmen. Die Sammlung von Lebensgeschichten, die anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Pro Asyl erscheint, macht zudem auf die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Engagements für Asylsuchende aufmerksam.
304 S., kart., € 24,90
ISBN-13: 978-3-86059-331-8
Die Zahl der Asylsuchenden, die in Deutschland Zugang zum Asylverfahren erhalten, sinkt seit Jahren. Grundgesetzänderung, Drittstaatenregelung und europäische Abschottungspolitik haben zu einer weitgehenden Aushöhlung des Asylrechts geführt. Deutlich wird dies, wenn wir aus heutiger Perspektive auf die Entstehung des Grundgesetzes im Jahr 1949 zurückblicken. Mit der Formulierung des Artikels 16 („Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“) zog Deutschland die Konsequenz aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus. Wo Menschen wegen ihrer politischen Einstellung, ihrer Religion oder der angeblichen Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ verfolgt worden waren, sollten sie zukünftig Asyl genießen. Den Müttern und Vätern des Grundgesetzes war durchaus bewusst, dass die Asylgewährung nicht das Privileg von wenigen Dissidenten, politischen Funktionären und verfolgten Intellektuellen sein konnte. Der Entschluss, das Recht auf Asyl als individuelles, gerichtlich einklagbares Grundrecht in die Verfassung aufzunehmen, entstand angesichts der massiven Flüchtlingsbewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu ihnen gehörten die Vertreibung der Armenier ab 1915 und die Situation der 30 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen als Folge der nationalsozialistischen Diktatur und des Zweiten Weltkriegs.
Das Asylrecht lebt - in allen Staaten - von einer gewissen Generosität. Ihre Grundlage ist die Fähigkeit, sich in die Situation von Menschen einzufühlen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Flüchtlinge, die naturgemäß selten Beweise für die erlittene oder drohende Verfolgung mitbringen können, sind im Asylverfahren darauf angewiesen, dass die Bereitschaft besteht, Glauben zu schenken, wo letzte Klarheit oft nicht zu erlangen ist. Mit dem heute üblichen Asylverfahren allein ist das Asylrecht nicht zu gewährleisten. In staatlichen Einrichtungen wie in der Bevölkerung muss das Bewusstsein aufrechterhalten werden, dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen um die Verwirklichung eines Menschenrechts geht.
Auszug aus dem Vorwort zum Buch von
Jürgen Micksch
Vorsitzender von PRO ASYL
Frankfurt am Main, September 2006
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Vorwort zum Buch
Gerhard Leo (Deutschland)
«Wir müssen uns verantwortlich fühlen. Denn wir haben Verantwortung!»
Milan Horáček (Tschechoslowakei)
Politischer Neuanfang in Frankfurt:
Vom Prager Frühling in die grüne Europa-Politik
Nadia Qani (Afghanistan)
«Die Hände in den Schoß zu legen kam für mich nie in Frage.»
Victor Aldunate (Chile)
«Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir eine Lebensperspektive aufbauen muss.»
Mehrnousch und Mehrschad Zaeri-Esfahani (Iran)
«Wir Jugendlichen mussten uns integrieren, egal was die Erwachsenen gesagt haben.»
Pramilla Nandakumar (Sri Lanka)
«Nach 14 Jahren in Deutschland wollte ich wieder zurück in meine Heimat.»
Paimana Heydar (Afghanistan)
«Ich habe den Krieg überlebt, bin jetzt aber ein Mensch zweiter Klasse.»
Nadja und Elam B. (Bosnien-Herzegowina/Kosovo)
Abschiebung statt Familienschutz:
Im Räderwerk der europäischen Ausländerbehörden
Frau und Herr S. (Jugoslawien)
Überlebende eines Massakers der deutschen Wehrmacht:
Aus Serbien vertrieben, in Deutschland von Abschiebung bedroht
Ibrahim Delen (Türkei) und João Nafilo (Angola)
«Wir verzichten auf sämtliche staatliche Leistungen. Das war der ‚Deal’, um studieren zu dürfen.»
Ali Ahmed (Irak)
«Die Sehnsucht nach menschenwürdigen Verhältnissen ist so, als ob man sich jahrzehntelang vergeblich ein Kind wünscht.»
Behiye Ceylan (Türkei)
«Das Leben ist überall schwer − in Kurdistan, in der Türkei, in Deutschland …»
Zargan Umijewa (Tschetschenien)
«Wir sind den Bombennächten in Grosny entronnen, aber der Verlust der Heimat schmerzt.»
Mohamed Agibu Jalloh (Liberia)
«Ein Tag ist wie der andere: herumsitzen, essen, warten, schlafen.»
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Buchinhalt
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„nah & fern“ berichtet über Migration, Partizipation sowie benachbarte Themen in Politik, Arbeitswelt, Gesellschaft und Kultur. Zentral ist dabei die Frage, ob und inwiefern Migrantinnen und Migranten gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben in Deutschland und anderen Ländern teilhaben können. nah & fern bietet Analysen, Interviews, Meinungsbeiträge, Erfahrungsberichte und literarische Texte; außerdem gibt es in jedem Heft einen Serviceteil mit nachahmenswerten Projekten, Ideen und Kampagnen sowie Buch- und Veranstaltungstipps.
Mit der Zeitschrift "nah & fern" wollen wir einen Beitrag zum Prozess der Integration und der Partizipation von Flüchtlingen und MigrantInnen in unserer Gesellschaft leisten.Die Begriffe Integration und Partizipation beinhalten unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Vorstellungen, Konzepte und Erwartungen von Seiten der Gesellschaft sowie der Flüchtlinge und MigrantInnen. Je nach Grad der Übereinstimmung kann es deshalb zu einer für beide Seiten gelungenen Integration oder zu gesellschaftlichen bzw. individuellen Konflikten und Missverständnissen kommen.
Artikel AnfangMit der Zeitschrift "nah & fern" wollen wir einen Beitrag zum Prozess der Integration und der Partizipation von Flüchtlingen und MigrantInnen in unserer Gesellschaft leisten.
Die Begriffe Integration und Partizipation beinhalten unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Vorstellungen, Konzepte und Erwartungen von Seiten der Gesellschaft sowie der Flüchtlinge und MigrantInnen. Je nach Grad der Übereinstimmung kann es deshalb zu einer für beide Seiten gelungenen Integration oder zu gesellschaftlichen bzw. individuellen Konflikten und Missverständnissen kommen.
Integration verstehen wir als einen Prozess, zu dessen Gelingen Aufnahmegesellschaft und Zuwanderer gegenseitig beitragen. Partizipation steht für einen gleichberechtigten Zugang zu den für die Integration notwendigen gesellschaftlichen Bereichen. Dazu gehören beispielsweise Ausbildung, Arbeit, politische Parteien und Vereine.
In unserem Magazin wollen wir die Voraussetzungen und Möglichkeiten beider Seiten darstellen, die für einen gesellschaftlich akzeptablen Integrationsprozess notwendig sind. Über theoretische Analysen hinaus stellen wir konkrete Projekte und Initiativen vor, die den Integrationsprozess fördern und Handlungsmöglichkeiten für beide Seiten aufzeigen. Damit geben wir Denkanstöße, die beschriebenen Ansätze entweder zu übernehmen oder neue Ideen zu entwickeln und vorzustellen.
Es ist unser Anspruch, auch umstrittene Themen aufzugreifen und Konflikte zu benennen. Ziel ist es, mit den Beiträgen lösungsorientierte Diskussionen anzuregen und zu fördern.
In der Zeitschrift "nah & fern" bieten wir AutorInnen ein Forum, sich aus ihrer Sicht und auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit den Themen auseinanderzusetzen. Konsequent im Sinne von Partizipation werden betroffene Flüchtlinge und MigrantInnen aus allen gesellschaftlichen Schichten auch selbst zu Wort kommen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und ihre Situation darzustellen.
Die vorgesehene Vielfalt an politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, individuellen, demographischen und künstlerischen Beiträgen steht für die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft, die für Integration und Partizipation von Bedeutung sind. Den LeserInnen wird durch die Themenvielfalt ein informativer, anregender und bereichernder Lesestoff geboten.
Die Bundesrepublik Deutschland versteht sich bisher nicht als Einwanderungsland. Zur aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte möchten wir Beiträge einbringen, die durch ihre unterschiedlichen Blickwinkel dazu beitragen, ein in dieser Hinsicht realistisches Selbstbild zu entwickeln.
Artikel Anfangin der nah & fern schreiben u.a. Dr. Lale Akgün, Dr. Katajun Amirpur, Prof. Dr. Wolf-D. Bukow, Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning, Dr. Norbert Cyrus, Prof. Dr. Havva Engin, Osman Engin, Klaus Farin, Gabriele del Grande, Dilek Güngör, Murat Güngör, Kien Nghi Ha, Prof. Dr. Peter Hansen, Hubert Heinhold, Dr. Dr. Ilhan Ilkilic, M. A., Memet Kιlιç, Prof. Dr. Wolfgang Krieger, Noël E. Martin, Prof. Dr. Paul Mecheril, Gari Pavkovic, Prof. Dr. Birgit Rommelspacher, Rafik Schami, Prof. Dr. habil. Albert Scherr, Dr. Elke Tießler-Marenda
ist seit 2002 Bundestagsabgeordnete der SPD. Sie wurde 1953 in Istanbul geboren und lebt seit 1962 in Deutschland. Nach dem Studium der Medizin und Psychologie war sie u. a. stellvertretende Leiterin der Familienberatung der Stadt Köln. 1987 promovierte sie in Psychologie. Von 1997 bis 2002 hat sie das Landeszentrum für Zuwanderung in Nordrhein-Westfalen geleitet. Lale Akgün ist Mitglied des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union sowie Islambeauftragte und Stellvertretende europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.
geboren 1971, studierte Islamwissenschaft in Bonn und Teheran. An die Promotion schlossen sich Lehrtätigkeiten an den Universitäten Berlin, Bamberg und Bonn an. Katajun Amirpur lebt in Köln und schreibt als freie Journalistin, u. a. für WDR, Süddeutsche Zeitung, taz und Die Zeit.
lehrt Migrationspädagogik am Fachbereich Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Sie war Mitautorin des 10. Kinder- und Jugendberichtes und von 1998 bis 2005 Mitglied des Bundesjugendkuratoriums.
geboren 1944, Studium der Evangelischen Theologie, Soziologie, Psychologie und Ethnologie in Bochum und Heidelberg, Promotion, Habilitation 1983. Langjähriges Engagement in Bürgerinitiativen und kommunalpolitischen Gremien. Seit 1995 Universitätsprofessur für Kultur- und Erziehungssoziologie am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Gründer und Sprecher der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien (FiSt) und Mitbegründer des Center for diversity studies (cedis). Zahlreiche Veröffentlichungen über Ethnisierung, Rassismus, multikulturelle Gesellschaft, Kriminalisierung allochthoner Jugendlicher und den Islam, seit 2000 schwerpunktmäßig zur Stadtgesellschaft. 2008 ausgezeichnet mit dem Forschungspreis der Reuter-Stiftung. Wolf-D. Bukow ist Mitglied des Redaktionsbeirats der „nah & fern“.
Jahrgang 1960, studierte Ethnologie und war bis 2008 als Kultur- und Sozialwissenschaftler am Interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen an der Universität Oldenburg tätig. Außerdem war er dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter im EU-Forschungsprojekt POLITIS zur Untersuchung gesellschaftlichen Engagements von Zuwanderern in 25 europäischen Mitgliedsländern sowie von 2006 bis 2008 Projektleiter des Europäischen Bildungsprojektes WinAct - Winning immigrants as active members. Seit 2008 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Jahrgang 1968, war nach dem Lehramtsstudium (Deutsch, Biologie) an der Technischen Universität Berlin und dem Referendariat wissenschaftliche Mitarbeiterin für Interkulturelle Pädagogik an der TU Berlin. Sie lehrte als Juniorprofessorin Sprachförderung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und ist heute Professorin für die Pädagogik der Kindheit mit Schwerpunkt Sprachentwicklung an der Fachhochschule Bielefeld. Havva Engin ist Mitglied des Redaktionsbeirates der "nah & fern".
wurde 1960 in der Türkei geboren und lebt seit 1973 in Deutschland. Schon während des Studiums verfasste er satirische Kurzgeschichten. Seit 1989 ist er als freier Schriftsteller tätig, u. a. für Frankfurter Rundschau, Titanic und taz.
geboren 1958 in Gelsenkirchen, gab bereits mit 15 Jahren seine erste Zeitschrift heraus. 1980 siedelte er nach Berlin über, wo er 1991 zusammen mit Eberhard Seidel-Pielen den Band „Krieg in den Städten. Jugendgangs in Deutschland“ publizierte, heute ein Standardwerk der modernen Jugendsozialforschung. Farin lebt und arbeitet als Leiter des Archivs der Jugendkulturen (weitere Informationen unter www.jugendkulturen.de) und als Lektor in Berlin.
wurde 1982 in Lucca (Italien) geboren und studierte Orientalistik in Bologna. Heute lebt er in Rom und arbeitet für die Nachrichtenagentur „redattore sociale“. 2006 gründete er den Online-Informationsdienst „Fortress Europe“, der über die Opfer der Migration an den Südküsten der EU berichtet. Auf Reisen in die Türkei, nach Griechenland, Tunesien, Marokko, Westsahara, Mauretanien, Mali und Senegal folgte er den Routen der Migrantinnen und Migranten, worüber er in dem Buch „Mamadous Fahrt in den Tod“ berichtete (Karlsruhe 2008).
Weitere Informationen im Internet unter http://fortresseurope.blogspot.com und www.vonloeper.de/Mamadou.
wurde 1972 in Schwäbisch Gmünd geboren. Sie absolvierte ein Übersetzerstudium für Englisch und Spanisch an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim und begann ein Aufbaustudium am Journalistischen Seminar in Mainz. Von 1998 bis 2003 arbeitete sie als Journalistin bei der Berliner Zeitung. Im Sommer 2004 schloss sie an der University of Warwick in England ein Masterstudium in „Race and Ethnic Studies“ ab. Zuletzt war Dilek Güngör Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Ihre Kolumnen erschienen zunächst in der Berliner Zeitung, später in der Stuttgarter Zeitung. Bisher veröffentlichte sie die Kolumnenbände „Unter uns“ (2004) und „Ganz schön deutsch“ (2007) sowie den Roman „Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“ (2007).
geboren 1969 in Tarsus/Türkei. Studium der Kulturanthropologie, Soziologie und Politik in Frankfurt/Main. Von 1990 bis 1999 war er als Rapper und Produzent aktiv. 1998 Mitbegründer des antirassistischen Netzwerkes „Kanak Attak“. Zuletzt tätig als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Ausstellung „Projekt Migration“. Derzeit freier Jugendbildungsreferent in der politischen Bildungsarbeit und angehender Lehrer.
geboren 1972 während des US-amerikanischen Krieges in einer chinesisch-vietnamesischen Familie in Hanoi, kam 1979 in Hongkong als "boat people" an und wuchs zunächst als "Kontingentflüchtling", dann bis zur Einbürgerung als Migrant in der Trabantenstadt Märkisches Viertel in West-Berlin auf. Er ist Politik- und Kulturwissenschaftler und hat im Frühjahr 2009 seine Dissertationsschrift "In the Mix. Postkoloniale Streifzüge durch die Kulturgeschichte der Hybridität" an der Universität Bremen eingereicht. Nach Abschluss der Promotion wird er zunächst als Visiting Scholar an der New York University zu Asian German Studies forschen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: postkoloniale Kritik, Migration, Rassismus und Cultural Studies. Monographien: Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs (1999/2004), Hype um Hybridität (2005), Vietnam Revisited (2005). Mitherausgeber von: re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (2007).
geboren 1939 in Hamburg, Studium der Betriebswirtschaftslehre in Hamburg und Göttingen, Diplomkaufmann 1968, Promotion zum Dr. rer. pol. 1970, Maurerlehre und Gesellenbrief. 1972 Geschäftsführer einer bau- und wohnwirtschaftlichen Firmengruppe in Hannover bis 2001. Honorarprofessur der Raumplanungsfakultät der Universität Dortmund. Heute wohnwirtschaftliche Projektberatung in Hannover.
Jahrgang 1948, ist Rechtsanwalt mit den Arbeitsschwerpunkten Ausländer-, Asyl-, Einbürgerungs- und Verfassungsrecht. Er ist Mitglied der Deutschen Rechtsberaterkonferenz und wurde mehrfach als Sachverständiger für Asyl- und Ausländerrecht im Bundestag, in Landesparlamenten sowie in Ausschüssen und Gremien angehört. Darüber hinaus ist Hubert Heinhold u. a. stellvertretender Vorsitzender der bundesweiten Vereinigung Pro Asyl e.V. und stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Flüchtlingsrats. Zuletzt sind von ihm erschienen: Das neue Rechtsdienstleistungsgesetz (Frankfurt/Main 2008), Recht für Flüchtlinge (Karlsruhe 2007), Das Aufenthaltsgesetz (Karlsruhe 2006).
studierte Medizin, Philosophie und Islamwissenschaften in Istanbul, Bochum und Tübingen. Heute lehrt und forscht er am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Bioethik-Kommission des Landes Rheinland-Pfalz und Leiter des Forschungsprojekts "Medizinethische Entscheidungen am Lebensende im interkulturellen Kontext".
Jahrgang 1967, studierte in Ankara und Heidelberg Jura und arbeitet heute als Anwalt in einer Heidelberger Kanzlei. Er ist u. a. Gründungsmitglied und Vorsitzender des Bundesausländerbeirats und seit September 2004 Mitglied des Gemeinderates der Stadt Heidelberg.
Jahrgang 1955, ist Professor an der Fachhochschule Ludwigshafen und leitet dort die Forschungskommission des Fachbereichs Soziale Arbeit und Pflege. Er war Mitglied der Forschungsgruppe, die eine Bestandsaufnahme der Situation von Ausländern ohne legalen Aufenthaltsstatus in Frankfurt am Main untersucht und dokumentiert hat. Der Forschungsbericht ist beim von Loeper Literaturverlag (Karlsruhe 2006) unter dem Titel "Lebenslage illegal. Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Frankfurt am Main" erhältlich.
wurde am 16. Juni 1996 Opfer eines rassistischen Anschlags im brandenburgischen Mahlow. Seit diesem Tag ist er vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. In seiner Autobiographie „Nenn es: mein Leben“ (Karlsruhe 2007) berichtet Martin, der 1959 in Jamaika geboren wurde und mit zehn Jahren nach England kam, über sein bewegtes Leben: Über seine glückliche Kindheit in Jamaika, über die von Diskriminierung und Gewalt geprägte Jugend in Birmingham und über den hart erkämpften beruflichen Aufstieg vom ungelernten Hilfsarbeiter zum Leiter eines florierenden Handwerksbetriebs. Dabei wurde Martin immer wieder mit Vorurteilen und einem gewalttätigen Rassismus konfrontiert. Seine Gefährtin Jacqueline, die er 1981 kennen lernte, ist an diesem Kampf zerbrochen - sie starb im Jahr 2000 an Krebs. Nach ihrem Tod gründete Noël E. Martin eine Stiftung, um die Begegnung zwischen deutschen und englischen Jugendlichen zu fördern. Weitere Informationen unter www.vonloeper.de/Noel-Martin.
lehrt Interkulturelle Bildung und Migrationspädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck. Zuletzt sind von ihm erschienen: Die Normalität des Rassismus (2008; hg. mit Anne Broden); Rassismuskritik (2009; hg. mit Claus Melter); Migration und Bildung (2009; hg. mit Inci Dirim).
ist Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart.
Jahrgang 1945, ist Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin sowie Privatdozentin an der Technischen Universität Berlin. Zuletzt sind von ihr erschienen: Interkulturelle Perspektiven für das Sozial- und Gesundheitswesen, Frankfurt/Main 2008 (hg. mit Ingrid Kollak); Der Hass hat uns geeint. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt/Main 2002; Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002.
wurde 1946 in Damaskus geboren. 1971 kam er nach Deutschland, studierte Chemie und legte 1979 seine Promotion ab. Heute lebt er in Marnheim (Pfalz). Er zählt zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Sein Werk erschien in 24 Sprachen übersetzt. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. (Foto: © Root Leeb)
Jahrgang 1958, lehrt Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Migration, Interkulturalität und Rassismus; Bildungsforschung; Theorie der Sozialen Arbeit. Zuletzt sind von ihm erschienen: Soziologische Basics (Wiesbaden 2006), Antisemitische Orientierungen Jugendlicher (Berlin 2007), Jugendsoziologie (neunte, grundlegend überarbeitete Neuauflage, Wiesbaden 2009).
studierte Rechtswissenschaften in Erlangen. Ihre rechtshistorische Dissertation zu Einwanderung und Asyl erschien 2002. Seit 2000 ist sie Referentin beim Deutschen Caritasverband im Referat Migration und Integration. Dort ist sie u.a. zuständig für Ausländerrecht, migrantenspezifische Fragen des Sozialrechts sowie migrations- und integrationspolitische Fragestellungen.
www.schattenblick.de
[...] ganz zu schwiegen von den halb verhungerten Boat
People auf dem nördlichen Mittelmeer, die verzweifelt den
Mörsern und Granaten zu entkommen versuchen, die ihre dunklen
Schatten über die leidgeprüften Landstriche Euramerikas werfen.
Einige schaffen es an Land, irren umher, verlieren den Mut, werfen
mir nichts, dir nichts die Flinte ins Korn und warten darauf, vom
Nichts dahingemäht zu werden.
(Abdourahman A. Waberi, In den Vereinigten Staaten von Afrika,
S. 26)
In Deutschland aber macht man sich Sorgen um den Stellenwert der
deutschen Sprache. Vor allem die Türken stehen in Verdacht, nicht
gut genug Deutsch zu sprechen. Zumindest sprechen sie ihre eigene
Sprache öffentlich und laut in den Untergrundbahnen und auf
Schulhöfen. Manchmal mischen sie auch die Sprachen, und ein
außenstehender Betrachter kann nicht mehr urteilen, wohin er diese
Menschen einordnen soll.
(Zafer Senocak, Kleine Straßen meiner Kindheit, S. 16)
Eine Holzbank stand vor meinen Augen. [...] Aber auf der
Rückenlehne stand "SLEGS BLANKES", also war die Bank nur für die
"Blankes", und ich spürte einige Augen um mich herum. Ich wußte
nicht, ob ich das Recht hatte, mich auf die Bank zu setzen, oder
nicht.
(Yoko Tawada, Übersetzungen, S. 22)
Sprachgetrieben ist dann mein Ort versöhnend. Eine Art
Kontemplation. Einsamkeit, die anders war und ist. Sie pulst in
diesem Landstrich entschleunigter als in der "großen Stadt". [...]
Ganz auf mich zurückgeworfen. Einen Gedanken, ein Gefühl filigraner
ist dann dieser Ort und unbequem. Im vertrauten Trotz ein Fetzen
Heimat. Mit einem Menschenschlag, den ich verstehe, wo ich ihn
nicht begreife, weil ich dazugehöre.
(José F. A. Oliver, Mein andalusisches Schwarzwalddorf, S. 29)
Aber anstatt den Einreisknoten zu lösen, zieht Europa es vor,
weiterhin von "noch nie da gewesenem Druck" zu sprechen und
Millionen von Euro für die Militarisierung der Grenzen durch aus
dem Boden gestampfte Agenturen wie Frontex auszugeben. Nach den
Operationen vor den Kanarischen Inseln ist der Kanal von Sizilien
das nächste Betätigungsfeld.
(Gabriele del Grande, aus der Reportage "Mamadous Fahrt in den
Tod", S. 42)
Allein diese Leseprobe aus der Zeitschrift nah & fern Nr. 39, diesmal mit dem Schwerpunkt "Migration literarisch", trägt die Widersprüche, die das Thema aufwirft, schon in sich: Die unterschiedlichsten Texte der durchweg sehr bekannten Autoren reichen von höchst ambitionierter Schreibweise über Abschiebung, Flucht, Diskriminierung von Minderheiten, rechtliche Verstrickungen, Gewalt, Krieg und Heimatlosigkeit bis zu biographischer und poetischer Prosa. Im Layout hat sich die nah & fern-Redaktion mit Hochglanz für den ästhetischen Teil des Themas entschieden, was (eventuell beabsichtigt?) der Auseinandersetzung mit einer unerträglichen Realität die Spitze nehmen kann und die Assoziation hervorruft, daß Migration "eben nicht ausschließlich ein Armutsthema" sei (laut einer Rezension über diese Zeitschrift bei www.culture-counts.de). Verhelfen dem Leser die Texte vielleicht zu weniger Distanz durch freundliche Autoren-Fotos?
Eigentlich hat es sich im deutschen Literaturbetrieb schon längst herumgesprochen: Die als sogenannte "Migrantenliteratur" bezeichneten Werke von Autoren mit Migrationshintergrund, deren meist kritische Themen daran erinnern, daß die Welt weniger an zurückgezogener Innerlichkeit und Partner- oder Familienproblematik leidet als an Krieg, Vertreibung, Armut, Hunger und Gewalt, haben sich zunehmend im deutschsprachigen Raum etabliert. Die inhaltlichen Lücken in der deutschen Gegenwartsliteratur werden bei Bedarf gerne mit den ambitionierten Texten "integrierter" Autoren gefüllt - eine Erinnerung daran, daß Literatur ein Schauplatz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein könnte.
Dennoch wird die Frage nach der Einordnung der Werke deutschsprachiger Literaten nicht-deutscher Herkunft in den deutschen Literaturbetrieb seit Mitte der 1960er Jahre bis heute noch aufrecht erhalten. Nüchtern betrachtet erübrigt sie sich aber, denn als nahezu eigenes Genre unter sich mit der Zeit gewandelten Sonderbezeichnungen (von "Gastarbeiterliteratur" oder "Ausländerliteratur" zur "Migrantenliteratur" oder "Gastliteratur") kann von wirklicher Integration eigentlich keine Rede sein. Die zivilisatorische Überlegenheit der westlichen Moderne wird dadurch aufrechterhalten, daß allzu kritische Worte ausgegrenzt werden oder Autoren, die über biographische Berichte hinaus engagiert schreiben, mehr Schwierigkeiten haben, überhaupt gelesen zu werden (z.B. einen Verlag zu finden oder gefördert zu werden). Zudem wird gezielt eine Entwicklung der Migrantenliteratur in die ästhetische und biographische Richtung verstärkt, so daß sich langsam die Frage stellt, wie groß das offizielle Interesse an solch kritischen Themen überhaupt noch ist, wie sie die Anfänge der Mirgantenliteratur kennzeichneten. Verlegt sich der Schwerpunkt auf exotische Schilderungen des Fremden, auf die eher sprach-ästhetische, poetische Leistung der interkulturellen Schriftsteller? Die Antwort liegt beim Leser.
Diese problematischen Zuweisungen im Literaturbetrieb sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig auch ein Instrument für politische Maßnahmen gegenüber dem Fremden. Die Typisierung als "Migrantenliteratur" ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer Gesellschaft, die Ressentiments gegen eine zu klare Sprache schürt und eine Kultur des Unterschieds pflegt.
Die widersprüchliche "Handhabung" der Migranten-Problematik kann man auch in diesem neuen Septemberheft von "nah & fern", dem "Kulturmagazin für Migration und Partizipation", ablesen, das dreimal im Jahr erscheint. Das Wort "Partizipation" im Titel läßt sich allerdings kaum mit der inhaltlichen Absicht dieser Herausgabe vereinbaren, die im Editorial genannt wird: "Grenzen sind überschreibbar"
So ist in den letzten Jahren ein transnationaler Raum der Literatur
entstanden, der in dem Maße größer wird, in dem
Grenzüberschreitungen (und ihre Folgen) als gesellschaftliche
Normalität des 21. Jahrhunderts angesehen werden.
In diesem Heft wird es darum gehen, wie solche Grenzen fortgesetzt
überschritten und überwunden werden: die staatlichen, die
kulturellen und auch die im eigenen Kopf. Dies geschieht unabhängig
von der Staatsangehörigkeit oder dem Migrationshintergrund der
Autoren und unabhängig davon, ob das Geschriebene auf realen
Erlebnissen beruht. Die Unterschiede zwischen Identitäten, Nationen
oder Kulturen sind längst in Bewegung geraten und fließen
ineinander. Ihre Grenzen sind überschreit- und überschreibbar."
(Editorial von Dankwart von Loeper, S. 3)
Ob die Lösung des Problems allerdings in der Möglichkeit einer interkulturellen Identitätsentwicklung liegt, im Geist der einen menschheitsverbindenden Multikultur ist bei einem Blick auf die gesellschaftliche und politische Realität fraglich, die davon letztlich auch nicht erträglicher wird. Der hierzulande herrschende Rassismus oder die Behördenwillkür, die den Einwanderern entgegenschlagen und ihnen das Leben in dieser Gesellschaft schwer machen, wird nicht allein mit einer möglichen Bereitschaft zur Eingliederung oder der Eingliederung selbst zu korrigieren sein.
Tatsächlich sind die Grenzen alles andere als aufgehoben. Aber gerade darüber berichtet die Mehrheit der Texte in diesem Heft eindrücklich...
Auf dem dritten Integrationsgipfel der Bundesregierung reichten 17 Migrantenverbände ihre Kritik ein. Die Entwicklungen liefen den Zielen des Integrationsplanes zuwider. So sei in den vergangenen Jahren das Zuwanderungsrecht verschärft und die Einbürgerung erschwert worden. Auch der Ausbildungsmarkt und die Situation an den Schulen für Kinder mit Migrationshintergrund hätten sich nicht verbessert. "Integration bedeutet Partizipation", betonte Angela Merkel, was verdächtig an das Prinzip der Frauenquote erinnert, die einzig dem Zweck dient, ein Umdenken endgültig überflüssig zu machen und unbequeme Stimmen zur Ruhe zu bringen.
Deswegen müsse es ganz normal sein, dass Migranten in allen
gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Politik, entsprechend
ihres Anteils an der Bevölkerung vertreten seien.
Die Vertreter der Migranten zeigten sich von dem Erreichten
allerdings nicht ganz so euphorisiert. Der Integrationsplan sei ein
Meilenstein in der deutschen Geschichte, sagte zwar auch Mehmet
Tanriverdi, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der
Immigrantenverbände. Er betonte aber auch: "Wir sind noch weit weg
von dem Ziel, das wir uns gesetzt haben'. Der Integrationsplan sei
"unten noch nicht angekommen'."
(Katharina Schuler, ZEIT ONLINE 6.11.2008)
Beim Lesen der Zeitschrift kommt man um die immer wieder diskutierte Frage nach der Funktion von Literatur in Deutschland nicht herum.
Können Schriftsteller überhaupt etwas bewirken, eine Entwicklung in Denken und Handeln in Gang setzen, Kriege verhindern, Vorurteile abbauen? Intellektuelle und Schriftsteller sind nicht unbedingt selbst die Betroffenen und zerrissen zwischen den Anforderungen des Büchermarktes, den tauben Ohren vieler Leser und der eigenen Stimme.
Dennoch können sie festgefahrene Deutungsmuster aufbrechen, Widersprüche aufdecken und der Realität eine neue oder andere Sichtweise geben.
In diesem Sinne legt die aktuelle Ausgabe von "nah & fern" auf im wahrsten Sinne des Wortes sprechende und einfache Weise alle Probleme offen. Das Heft regt an, informiert und macht auf beklemmende Weise betroffen. Der von Loeper Literaturverlag, von dem das Magazin erstellt wird, ist ein Profi darin, sein Anliegen zu präsentieren, denn seit über 25 Jahren sind die Themenbereiche Exil, Migration, Asyl und Menschenrechte ein wichtiger Verlagsschwerpunkt. Der Verlag hat die Zeitschrift "nah & fern" seit November 2005 (Ausgabe 31) übernommen. Die redaktionelle und gestalterische Verantwortung liegt jetzt bei ihm. Ein Redaktionsbeirat mit profilierten und sachkundigen Persönlichkeiten berät die Redaktion.
Die erste Ausgabe von nah&fern erschien noch in der "alten" DDR in
den Zeiten des Umbruchs im Sommer 1989 zum Kirchentag in Leipzig.
Zunächst herausgegeben vom Ökumenisch-Missionarischen Zentrum
Berlin-Ost, beteiligte sich ab der zweiten Ausgabe das Evangelisch-
Lutherische Missionswerk Leipzig (LMW) an der Herausgabe der
Zeitschrift.
Der Ausländerbeauftragte des LMW, Dieter Braun, arbeitete im
Redaktionskreis leitend mit. Von 1991 bis 2004 war nah&fern eine
Gemeinschaftsproduktion von LMW und Berliner Missionswerk (BMW),
mit finanzieller Unterstützung des EKD-Kirchenamtes und der
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Die
Hauptverantwortung für die Herausgabe lag beim
Ausländerbeauftragten des LMW.
Themenschwerpunkte waren u.a. Interkulturelle Arbeit,
Abschiebehaft, Illegalität, Europa, Rassismus, Kinder,
geschlechtsspezifische Verfolgung u.v.m. Viele namhafte Autorinnen
und Autoren haben an dem Heft mitgewirkt.
(www.vonLoeper.de, Geschichte der Zeitschrift)
"nah & fern" hat klar definierte Zielgruppen ...
Zielgruppe sind alle LeserInnen, die sich für die Themen Migration
und Partizipation interessieren. Dazu gehören beispielsweise haupt-
und ehrenamtliche MitarbeiterInnen aus der Menschenrechtsarbeit
oder Flüchtlingsberatung, Interessierte aus Politik, Gewerkschaft,
Verwaltung, Hochschule, Kirche, Medien und Wohlfahrtsverbänden.
Die Zeitschrift soll einer breiten Öffentlichkeit - besonders auch
Multiplikatoren wie z.B. LehrerInnen oder Betriebsräten - die
Themen Integration und Partizipation von Flüchtlingen und
MigrantInnen nahe bringen.
(www.vonLoeper.de, Zielgruppen)
... und ist damit im von Loeper Literaturverlag gut aufgehoben:
Der von Loeper Literaturverlag wurde 1978 als "Verlag Rolf Schott
Archiv" von dem damals noch 19-jährigen Dankwart von Loeper (*1958)
gegründet. Ziel des Verlages war es, vergessene Exilautoren, die so
genannten "verbrannten Dichter" dem deutschen Publikum wieder
zugänglich zu machen sowie jungen Autorinnen und Autoren eine
verlegerische Heimat zu bieten. [...] Hier finden Sie die großen
Standardwerke zum Thema Asyl und Menschenrechte: Das "Handbuch der
Asylarbeit", seit seinem Erscheinen das Nachschlage- und
Informationswerk für alle haupt- und ehrenamtlich in der Asylarbeit
tätigen, das "Handbuch der Fluchtländer", herausgegeben vom
Informationsverbund Asyl (ZDWF), wichtige Handbücher, die von PRO
ASYL herausgegeben wurden, z.B. "Menschenwürde mit Rabatt" von
Georg Classen oder "Das neue Asylrecht" von Hubert Heinhold,
Bücher zum Thema Illegale, Kinder im Asyl, Kirchenasyl und vieles
mehr...
(www.vonLoeper.de, Verlagsgeschichte, Der von Loeper
Literaturverlag)
Es bleibt zu hoffen, daß das Magazin noch lange fortgeführt werden kann. Die nächste Ausgabe erscheint mit dem Thema "Urbane Jugendkulturen" im Dezember 2008.
http://www.schattenblick.de
nah & fern ist zunächst einmal eine ästhetisch aufwendig gemachte Zeitschrift.
Sie besticht durch außergewöhnlich beeindruckende Fotos, insbesondere Porträts von Migranten aus aller Welt. Das ist mehr als eine schöne Verpackung, das ist Programm. Denn die großformatigen, berührenden Fotos machen auf den ersten Blick klar: Diese Menschen aus allen Weltgegenden repräsentieren einen ungeheuren Reichtum. An Geschichten, Erfahrungen, Fähigkeiten, Talenten, kulturellen Bezügen. Migration ist eben nicht ausschließlich
ein Armutsthema. Es ist auch ein Thema der Fülle und Vielfalt.
Das Magazin setzt nicht auf moralische Appelle, sondern auf Faszination. Viele Menschen, die ganz in unserer Nähe leben, kommen aus der Ferne; andere, die in der Fremde leben, beeinflussen unseren Alltag hierzulande.
Daraus ergeben sich spannende Themen, die Exotik des Alltags, Vernetzungen in entlegene Weltgegenden. Globalisierung, diese schnell rotierende Mischmaschine der Kulturen, ist nah und fern zugleich, schafft neue Nähe,
aber auch ungewohnte Distanzen.
http://www.culture-counts.de
nah & fern ist ein ideales Medium, um wirkungsvoll alle diejenigen zu erreichen, die sich für ein besseres Miteinander und für den Themenbereich Migration und Flucht interessieren.
Die genauen Angaben zu Auflagenhöhe, Erscheinungsweise und Anzeigenpreisen finden Sie in dem beigefügten Download-Dokument.
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